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Eine neue Zeichentechnik
Meine Vorliebe für die Darstellung organischer Dinge hat mich eine
besondere Mischtechnik entwickeln lassen.
Mein Ziel war es, lineare Zeichnung mit malerischer Ausarbeitung auf einem
Blatt zu verbinden.
Mich reizt die Vielfalt der Formen, die Spannung der Umrißlinien,
der Wechsel der Strukturen, die Stofflichkeit der Oberflächen und,
natürlich, das Farbspiel. Nichts scheint mir so reizvoll wie Dinge,
die Individualität, bzw Unverwechselbarkeit zeigen.
Nun läßt sich gut mit dem Graphitstift der beobachteten Linie
nachspüren, Struktur und Schattierung zur Darstellung bringen. Wenn
aber nun, wie bei mir, das Bedürfnis besteht, die Sinnlichkeit einer
Oberfläche dazu in Bezug zu setzen, dann müssen Wege gefunden
werden, um aus diesen beiden Herangehensweisen, aus diesen zwei Seiten
der Betrachtung, ein Ganzes zu machen.
Bei der Suche nach einer befriedigenden Lösung benutzte ich zunächst
Guaschefarben, um die Objekte in ihrer mich faszinierenden Farbigkeit
und Stofflichkeit zu definieren. Dies führte selten zu einem guten
Ergebnis:
Der Versuch die sehr dichte und präsente Darstellung zeichnerisch
aufzulösenund zu ergänzen, scheiterte in den meisten Fällen.
Immer wieder betrachtete ich Adolph Menzels Studie von Moltkes Fernglas
oder entsprechende Guaschestudien von Flegel. Dabei fiel mir natürlich
auf, wie sehr der Papierton an der Gesamtwirkung beteiligt war. So, wie
ich meine Objekte nach ihren reizvollen individuellen Merkmalen auswählte,
so mußte ich nun schmerzlich feststellen, dass Papier ein Massenprodukt
ist und wie gut auch immer seine Qualität sein mag, den optischen
Reiz eines solchen "alten" Papieres nicht erreicht.
Nicht umsonst hat Horst Janssen aus alten Büchern unbedruckte Blätter
geplündert! Der Zeichner liebt nun einmal nicht das Glatte und muß
damit eigentlich gezwungenermaßen ein Feind alles Genormten sein.
Sein Auge hat eben gerade Freude an spannender Vielfalt der Formen, an
Verfalls- und Zerrottungsprozessen unterschiedlichster Art, da entfaltet
sich seine "Sehlust", wie Janssen das nennt. Wieviel interessanter
sind strapazierte, alte Schuhe als funkelnagelneue, die weder die Spuren
des Gebrauchs, noch Ihres Besitzers tragen.
Auf der Suche nach einer befriedigenden Lösung war die Entdeckung
der Sennelier Oelpastellkreiden für mich ganz entscheidend. Die hochwertigen
Pigmente, die Weichheit der Konsistenz, ergeben eine herrliche Oberflächenwirkung,
die der Darstellung organischer Dinge, wie von Früchten, Hölzern
u.s.w., entgegenkommt.
Das Material war für mich so verblüffend, weil es eine Erarbeitung
von Stoffllichkeit und Charakter meiner Objekte ermöglicht, wie sie
mir auf diese Weise mit Oelfarbe, selbst von sehr guter Qualität,
bisher nicht gelungen war.
Es kommt auch ein eigener sinnlicher Charakter des Materials hinzu, der
mich immer noch fasziniert. Wunderschöne, differenzierteste Farbabstufungen
machen ein sensibles Erfassen der beobachteten Farbklänge möglich.
So kam es zu Arbeiten, bei denen das ganze Blatt mit diesem Material gestaltet
wurde für mich sehr schöne, befriedigende Ergebnisse.
Aber, was war nun mit meinem Vorhaben, farbliche und stoffliche Definition
des oder der Objekte mit einer mehr zeichnerischen Herangehensweise zu
verbinden, und das auf einem Blatt? Bei dem Arbeitsprozess, einen Grundton
erst einmal mit einer Oelpastellkreide anzulegen, entstand das Bedürfnis
den Abrieb der Oelpastelle zu minimieren. Der Versuch, dies mit einem
Tuch durch Verreiben zu erzielen, brachte kein befriedigendes Ergebnis.
Erst die Anwendung feiner Stahlwolle war überzeugend. Das so vorbereitete
Blatt bietet eine sehr reizvolle Grundlage für Zeichenstudien.
Die nächste Entdeckung geschah durch das Experimentieren mit den
Polychromos Farbstiften auf der so grundierten Fläche. Die Farbstifte,
schon seit jeher von mir wegen ihren intensiven und reichen Farbtönen
geschätzt, entwickelten in dieser Kombination für mich unbekannte
Eigenschaften: Der weiche Abrieb wird noch farbsatter und geschmeidiger,
der Stift geht mit der Grundierung eine innige Verbindung ein und ermöglicht
dadurch eine Dichte bei dem Erarbeiten von Farbabstufungen, wie sie sonst
nur mit flüssiger Farbe zu erreichen ist. Es eröffneten sich
Möglichkeiten zur Darstellung eines Detailreichtums , wie es mit
dem doch im Abrieb recht breiten Oelpastellstift kaum möglich ist.
Die Wiedergabe kompliziertster Detailbeobachtungen erfuhr ich zudem als
verblüffend leichter beherrschbar als mit flüssiger Farbe und
mittels eines feinen Pinsels. Dies ist auch einer der Gründe für
den Erfolg dieser Kombination bei meinem Unterricht im Naturstudium.
Damit hatte ich ich mein Ziel erreicht: Die Kombination von Sennelier
Oelpastellkreiden und Polychromos Farbstiften von Faber Castell ermöglicht
mir auf einem Blatt, lineare Zeichnung mit malerischer Ausarbeitung zu
verbinden.
Eine höchst spannende Angelegenheit!
Ingeborg Hollmeyer
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